Hallo Ihr Lieben!
Ich wünsche euch allen ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr! Bisher bin ich leider nicht dazu gekommen zu berichten, denn ich war die letzten 3 Wochen unterwegs und fernab von Internet und Handyempfang. Ich hoffe ihr hattet ein frohes Weihnachtsfest und seid gut ins neue Jahr gerutscht.
Mein Weihnachten war das wohl komischste bisher. Ich war in Cartagena mit der gesamten Familie von Felipe. Ein karibisches Weihnachten mit 35 Grad und Meerblick, aber irgendwie wäre ich lieber daheim gewesen. Es waren circa 20 Leute und man kann es sich ungefähr so vorstellen wie die Anfangsszene von Kevin allein zu Haus. Das reinste Chaos. Es war schön, aber man feiert ja doch immer lieber mit der eigenen Familie.
Cartagena hat eine wunderschöne Altstadt, wirklich beeindruckend was die Spanier dort alles gebaut haben, bzw. haben bauen lassen. Sehr schöne Kolonialhäuser und einen überdimensionalen Schutzwall rund um die Altstadt. Man beachte, dass fast alles aus Koralle und Sklavenblut gebaut wurde. Man befindet sich dort in einem Ort voller Geschichte, und wäre es nicht so unglaublich schön, könnte man ganz schön traurig werden. Man müsste sich das Meer vorstellen, würden die ganzen Korallen noch leben, ganz zu schweigen von den Sklavenmärkten. Sämtliches Gold aus ganz Südamerika wurde damals in Cartagena verschifft, daher auch die beeindruckende Architektur.


So haben wir eine ruhige Woche verbracht, bei der Hitze kann man auch nicht wirklich produktiv sein. Pünktlich zum Ende des Jahres, am 31. Dezember, habe ich den ersten Tauchgang meines Lebens absolviert, und zwar am 4. größten Korallenriff der Welt, circa eine Stunde von Cartagena entfernt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, war es im Endeffekt ein unglaubliches Erlebnis. Man betritt eine andere, wunderschöne Welt, umzingelt von tausenden Fischen aller Farben und Formen. Ich kann absolut nachvollziehen dass man süchtig danach wird.
Ins neue Jahr habe ich gut reingefeiert, war allerdings ziemlich kaputt und es ging daher etwas ruhiger zu. Das ist aber auch schön so, mich macht Silvester eigentlich eher sentimental weil einem vor Augen geführt wird wie schnell doch die Zeit vergeht. Nadine hat mir erzählt bei meinen Eltern gab es tolle Krapfen – die haben mir gefehlt.
Am 2. Januar sind wir dann mit einem Freund von Felipe Richtung Barranquilla gefahren. Zugegeben eine ziemlich hässliche und dreckige Stadt und eine mörderische Hitze. Man duscht, läuft in die Küche und möchte eigentlich gleich wieder duschen gehen. Früh am morgen sind wir weiter Richtung Santa Marta, haben dort 2 riesige Blöcke Eis gekauft und sind weiter in den Parque National Tayrona. Dort haben wir 8 unglaubliche Tage verbracht, fernab von Strassen, Strom, und Supermärkten. Geschlafen haben wir in Hängematten und sind jeden Tag sehr viel gelaufen – entweder durch den dichten Dschungel oder wir sind den Felsen entlang geklettert.
Es ist unglaublich woran man sich gewöhnen kann, ich bin 8 Tage lang nur Barfuß gelaufen inmitten von Riesenameisen, Spinnen und Salamandern. Es kam uns sehr zu Gute, dass Felipe Biologe ist. So haben wir sehr viel kennengelernt, allerdings macht es einem auch Angst. Alle Spinnen sind hochgiftig, es gibt viele Arten von Schlangen, Affen, Jaguare und Skorpione. Ein Freund hat einen 2 Meter großen Caiman gesehen. Ich habe ausser Spinnen (aber was für welche) und vielen vielen Ameisen nichts dergleichen gesichtet, ist vielleicht auch besser so.



Die Schönheit des Dschungels und der Strände verschlägt einem den Atem, jeder würde am liebsten gleich dort bleiben, aber nach einer Weile holen einen ja doch die von uns erschaffenen Notwendigkeiten des Lebens wieder ein. Die erste heiße Dusche heute bei mir zuhause war schon wirklich toll und irgendwie ist es ja auch nett wenn man nur schnell die Straße überqueren muss um etwas zu kaufen, von dem man sich einbildet man bräuchte es gerade.
Ich war in den letzten Tagen sehr dankbar. Für alles, für einfach alles. Wir sollten unser Leben viel mehr zu schätzen wissen. Am Sonntag ist mein Hund gestorben. Meine Kessy war der beste Hund der ganzen Welt, aber ich denke es geht ihr gut im Hundehimmel und ich weiß, dass sie ein tolles, langes Leben hatte.
Vorgestern haben wir uns auf den Rückweg nach Cartagena gemacht. Für die vielleicht 200km haben wir zu Fuß und mit dem Bus fast 9 Stunden gebraucht.
Endlich in Cartagena angekommen, sind wir mit dem Taxi zu der Wohnung von Felipe’s Tante gefahren. Und da war sie – die Stadt – Cartagena de Indias – die angeblich schönste Stadt Südamerikas. Wir sind durch ein Viertel gefahren, welches ich lieber nicht gesehen hätte. Oder vielleicht doch, denn ich habe wieder einmal meinen Horizont erweitert. Es war wohl eines der ärmsten Viertel die man in Kolumbien zu sehen bekommt. Die Bilder werden mich mein Leben lang begleiten. An die allgegenwärtige Armut habe ich mich ja mittlerweile fast gewöhnt. Aber das war Rock-Bottom, es sind Lebensumstände, die sich unser eins nicht einmal im Traum vorstellen kann. Die Menschen dort haben nichts aber auch garnichts. Stromleitungen und Abwasserkanäle gibt es erst garnicht. Häuser auch nicht, die Abtrennung besteht lediglich aus Stöcken, die sich im Wald finden. Es wächst kein Baum, alles ist verschmutzt. Die Menschen leben auf einem Sumpf von Müll und Abwasser. Es riecht nach Müll, Urin und Krankheit. Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll, ich war absolut fassunglos. Das ganze streckt sich für mindestens 2km hin. Fotos gibt es nicht, ich habe es nicht übers Herz gebracht. Die Bilder die ich vor Augen habe lassen mich nicht mehr los. Man fühlt sich so hilflos, denn man weiß nicht wo man anfangen soll. Man weiß ja, dass Armut existiert, aber wenn man sie mit eigenen Augen sieht, verändert sich das Weltbild.
So habe ich innerhalb von einem Tag den schönsten und traurigsten Ort in meinem Leben gesehen. Und so ist Kolumbien.
Denkt daran, wenn ihr das nächste mal den Kühlschrank aufmacht.
Ich bin immernoch fassungslos. Und ich bin dankbar.